
Tief im Schatten alter Rüstern,
Starren Kreuze hier am düstern Uferrand.
Aber keine Epitaphe,
Sage uns wer unten schlafe,
Kühl im Sand.
Still ist’s in den weiten Auen,
Selbst die Donau ihre blauen,
Wogen hemmt.
Denn sie schlafen hier gemeinsam,
Die, die Fluten still und einsam,
Angeschwemmt.
All die sich hier gesellen,
Trieb Verzweiflung in der Wellen
Kalten Schoß.
Drum die Kreuze die da ragen,
Wie das Kreuz das sie getragen,
„Namenlos“.
Ein Gedicht von Graf Wickenburg

Viele, viele Kilometer fuhr ich, bis ich endlich an dieser einen Haltestelle ankam. “Alberner Hafen“. Und da war er nun, der Hafen, so riesig, wie ich ihn mir eigentlich nicht vorstellte. Unzählige Firmen
und ein ständiger LKW-Verkehr. Ich brauchte einige Zeit bis ich mich orientieren konnte, und plötzlich erblickte ich das Schild, nach dem ich Ausschau hielt: Friedhof der Namenlosen. Minutenlang quer durch den Hafen, hoffend, am richtigen Weg zu sein. Und irgendwann erblicke ich das nächste Schild. Nur mehr wenige Meter trennten mich vor diesem Platz. Ich steige den Weg hinauf und blicke hinab.
Bedrückend. Das war mein erster Gedanke, als ich die Treppen hinabstieg. Ich bekam plötzlich feuchte Hände und wusste plötzlich nicht mehr, wie ich denn nun dastehen solle. Zwischen all den Gräbern von Menschen, die nicht nur mir unbekannt sind, sondern einfach namen- und identitätslos ihre letzte Ruhe hier fanden. Schwarze Kreuze kennzeichnen jedes Grab, eine längliche Erdanhäufung, manchmal nur Gestrüpp, anderswo auch frische Blumen. Er sieht verwahrlost aus, dieser Friedhof. Die Blätter der umliegenden Bäume säumen zu Hunderttausendst den Boden und so still man am liebsten sein möchte, sobald man den Friedhof betritt, so konstant hört man auch das Rascheln unter den eigenen Schuhen. Und das ist ebenso irgendwie das Unglaubliche. Mitten in einem riesigen Industriegebiet, hier der Hafen, da die Donau, dahinter unzählige riesige Firmen. Und dazwischen dieser kleine Friedhof.

Mehrere Male ging ich von Grab zu Grab. Von Namenlos zu Namenlos und erblickte dann und wann auch Menschen, deren Namen man wusste. Z.B. Wilhelm Töhn, der am 1. Juni 1904 im Alter von 11 Jahren in der Donau ertrunken ist, durch fremde Hand, wie das Kreuz einen noch offenbart. Oder Sepperl. Diese beiden Gräber sind voll mit Stofftieren und Blumen. Und deshalb haben sie mich so an das Grab von Timi erinnert. Drei Kerzen hatte ich mit, ein Sonderangebot, aber es waren viel zu wenige Kerzen, schlussendlich. Am Liebsten hätte ich bei jedem Grab eine Kerze angezündet.

Für mich war es eine der bedrückendsten Orte, an denen ich jemals war. Ich konnte nichts sagen, musste manchmal ganz schon tief atmen. Es ist für mich so unverständlich und eine unerträgliche Vorstellung, als namenloser Mensch zu sterben. Und niemand trauert um einen, und niemand sucht einen. Drei Kerzen habe ich angezündet, bei Wilhelm, bei Sepperl und bei einem Grab, in der Mitte am Ende des Friedhofes. Ein völlig Unscheinbares, mit violetten Blumen. Hier liegt einer der Namenlosen. Sie alle wurden angeschwemmt von der unbändigen Donau, starben einen schrecklichen Tod. Andere ertranken z.B. beim Bau des Hafens Anfang der 30er Jahre. Der Friedhof blieb deswegen so klein, da irgendwann auch der Zentralfriedhof in Wien „namenlose“ Leichen begrub. Und durch diese Abgeschlossenheit, dieser Friedhof innerhalb all dem Stress, all der Hektik, all der Arbeit. Es ist ein unglaublicher Ort, und ich empfehle jedem, der irgendwann auch nur in Erwägung zieht, Wien zu besuchen, sich diesen Platz anzusehen. Dieser Platz ist in irgendeiner Art und Weise nicht Wien. Er ist viel zu ruhig dafür. Und obwohl er wohl einer der bedrückensten Orte ist, so finde ich ihn auch so unglaublich schön. So perfekt einsam. So abgrundtief traurig.
Im Film „Before Sunrise“ sah er anders aus. Schon gut, es war Frühling oder Sommer. Aber auch da war, auf seine Art, wunderschön. Ein Platz, an dem Menschen, die keinen Namen mehr hatten, ihre letzte Ruhestätte fanden. Dieser Platz blieb mir als eindruckvollster des ganzen Films in Erinnerung.
Weitere Fotos vom Friedhof der Namenlosen [Link]













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