Neon|Wilderness

Someday I’ll pay the bills with all these words

Schmetterling und Taucherglocke.

Auch wenn es dafür einen eigenen Blog gäbe (welcher seit einiger Zeit stark an Bedeutung (für mich) verloren hat). Hier veröffentliche jetzt manchmal auch Kritiken zu Filmen. Zu guten Filmen wohlgemerkt. Ohne Bewertung nach Noten oder Sternen. Einfach, um Filmkunst anderen näher zu führen.

Le Scaphandre et le papillon … ein Film von Julian Schnabel. Der ehemalige französische Chefredakteur der Elle, Jean-Dominique Bauby erleidet 1995, im Alter von 42 Jahren, einen Schlaganfall. Und leidet schlussendlich an dem seltenen “Locked-In-Syndrom”. Gefangen im eigenen Körper. Vielleicht sollte man noch erwähnen, dass dieser Film auf einer wahren Begebenheit beruht.

Der Film beginnt mit dem ersten Aufwachen nach drei Wochen Koma. Ein Zimmer gefüllt mit Krankenpflegern, irgendwann der Auftritt des Arztes, der verschwommene Blick von Jean-Do. Die Erklärung, was nun mit ihm los sei. Die Antwort. Und irgendwann begreift man, dass die Stimme nur aus dem Off kommt. Durch die Krankheit ist es ihm unmöglich zu sprechen. Jeden Tag dieselbe Routine, der Versuch einer Therapie. Lange Zeit keine Fortschritte. Bis durch eine Schrifttafel die Kommunikation durch das Zwinkern des Auges wieder möglich ist. Und er beschließt ein Buch zu schreiben. Ein Buch über sich und die Krankheit, über sein bisheriges Leben und seine Träume. Über das Hinabsinken in einer Taucherglocke und das Aufsteigen als frisch geschlüpfter Schmetterling.

Der Film ist ruhig. Anfangs nur der Blick aus dem offenen Auge von Jean-Dominique, die Stimme aus dem Off. Und mehr und mehr versteht man. Und mehr und mehr fühlt man mit. Versteht, wie schrecklich es sein muss, im bewegungslosen Körper gefangen zu sein. Und einen seiner ersten Sätze, “Ich will sterben” vollendet man schon einige Sekunden bevor die Logopädin zu begreifen scheint.

Julian Schnabel hat es wie noch keiner zuvor geschafft, diese Gefangenheit, diese Klaustrophobie im eigenen Körper zu beschreiben. Auch Alejandro Amenábar’s Das Meer in mir (Mar adentre) beschreibt das Leben eines beinahe bewegungslosen Mensch. Mit dem alles einnehmenden Thema Liebe, mit dem Wunsch nach Tod, und der Liebe zum Meer. Doch Schmetterling und Taucherglocke konnte mich mehr berühren. Zugegeben, beide Filme sind großartig, doch die schauspielerische Leistung des Mathieu Amalric als Jean-Do ist doch überaus bemerkenswert.

Der Film berührt an dem Punkt, der uns allen am schrecklichsten erscheint. Die Unbändigkeit des Schicksals, das Wissen, dass in der nächsten Sekunde alles anders sein kann. Dass man irgendwann vielleicht ein Leben zu führen hat, welches einsamer und schlimmer kaum sein kann. Es beschreibt die unendliche Liebe von Kindern zu ihrem Vater, von der Sorge um andere Menschen, vom Egoismus des Todeswünschenden, und der Macht der Fantasie und der Erinnerung, von Träumen und vom Gewinn des Lebens über den Wunsch zu Sterben. Der Film überdramatisiert nichts, er beschönigt nichts, ist gespickt mit der perfekten Prise Humor, ist melancholisch und manchmal einfach nur schön. Trotz der Lage in der sich Jean-Do befindet.

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7 Responses

  1. Sicht-Feld sagt:

    Das klingt nach einem unbedingt sehenswerten Film. Ich mag es, wenn solche Filme einfach authentisch sind und nicht auf Teufel komm raus auf die Tränendrüse zielen. Wo kann man diesen Film sehen, läuft er (jetzt oder bald) im Kino, oder gibt es ihn schon auf DVD?
    PS: Darf ich Dich auf meiner Seite verlinken?

  2. just4ikarus sagt:

    Ja, er ist absolut sehenswert. Der Film läuft seit Ende März im deutschsprachigen Raum in den Kinos, vielleicht findest du noch ein Lichtspieltheater, welches den Film noch im Programm hat. Ansonsten schätze ich den Herbst als Erscheinungstermin für die DVD.

    Und ja, natürlich, gerne. Vielen Dank.

  3. Einer der Filme, deren Betrachtung mir am meisten zugesetzt haben. Es tat weh. Besonders die erste halbe Stunde empfand ich als so beklemmend und schmerzhaft, dass mir körperlich schlecht wurde.
    Die Botschaft ist schön — ein Mann, der durch die Krankheit bzw. durch das Sterben endlich bei sich ankommt, alles Überflüssige abstreift und Frieden schliesst — und Schnabels Bildsprache ist (wie immer) ausserordentlich. So einen Film gibt es nicht oft. Die DVD wird leider erst spät dieses Jahr (November/Dezember) erscheinen. :-( Aber ich werde ihn mir auch kein zweites Mal anschauen können. Der Schmerz ist zu gross.

  4. P.S.: Ich erwähnte ihn auch hier: http://andreschneider.wordpress.com/2008/05/07/blubbernd/

    Du fehlst mir übrigens, Dom… Sehr…

  5. just4ikarus sagt:

    Stimmt. Die ersten zwanzig, dreißig Minuten verspürte auch ich als extrem beklemmend, als heftig und hart. Ich werde ihn mir vielleicht in ein paar Monaten noch einmal ansehen, aber ich kann dich gut verstehen, dass du dir das kein zweites Mal “antust”.

    Und du fehlst mir auch. Hatte letzte Woche so unendlich viel zu tun, und dachte, dass du in London viel Stress haben würdest. Aber ich habe definitiv jeden Tag an dich gedacht. Beim Lesen deiner Geburtstagslektüre für mich (großartig) oder beim Stöbern in deinem Blog. Ich schreib’ dir heut’ Nacht mal wieder.

  6. miso sagt:

    Ich finde den Film sehr realistisch. Was mir aber fast das Herz gebrochen hat, als ich den Film sah, war und ist die Tatsache, das mein Vater genau das durchmacht, was Jean-Do im Film passierte… Ich hoffe auf ein besseres Ende als im Film…

  7. Dominik sagt:

    Ich wünsche es dir und deinem Vater, miso!

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