
“Komm, Dominik. Erzähl aus deinem Leben.” Und dann kurze stumme Blicke am Ende des minutenlangen Satzes.
Alles begann mit einer einunddreißig Stunden andauernden Geburt. Bis die Ärzte merkten, dass es keinen Sinn hatte und mich per Kaiserschnitt befreiten. Jede Geschichte sollte einen lustigen oder markanten Einstieg haben. Und jetzt die Trauer darüber, dass es sich dann doch nur um eine langweilige Erzählung handelt. Kehrt ruhig um, wenn ich euch beunruhige. Das ist meine Absicht. Aufgewachsen bin ich in einem Einfamilienhaus mit einer Familie. Man nennt es so. Meistens besteht eine Familie aus einem Vater und einer Mutter. Manchmal auch aus Schwester und Bruder oder die Plurale davon. Bei mir waren es die Eltern und eine Schwester, die meine ersten Jahre zu schön zum Erinnern machten. Keinen blassen Schimmer was da so ablief, als ich noch nicht wusste, wo die Speichern-Taste ist.
Ich war ein schlanker Junge. Konnte mit vier schon lesen und irgendjemand aus meiner näheren Umgebung offenbarte mir eine große Zukunft. Das sei bemerkenswert. Von wegen. Ich hatte nur mitgelernt, als meine Mutter gerade dieses Lesen mit meiner Schwester übte. Heutzutage lesen schon viele Kinder in diesem Alter. In der Grundschule war ich der King. Einer unter dreiundzwanzig, intelligent. Viel zu intelligent für diese Ansprüche. War eigentlich alles nur langweiliges Durchquälen durch Uninteressantes. Schule eben. Freunde hatte ich in dieser Zeit viele, heute sehe ich keinen Einzigen mehr. Ich habe diese Schule auch nie mehr betreten, um meine Lehrer zu besuchen, so wie einige andere es an freien Schultagen taten. Bei mir misslang alles meist schon an der Planung. Es war eine schöne Zeit. Irgendwann während dieser Zeit kam es mir jedenfalls zu Ohr, dass ich einen Bruder hatte.
Totgeboren, wie viele Leser hier schon wissen. Ich habe also einen Bruder. Die Vergangenheitsform bringt hier nichts. Ich habe ihn ja noch immer, irgendwo, da draußen und hier in meinem Herzen. Er hat mich im Stich gelassen, zurückgelassen in dieser Welt aus Scheiße und Fleischfliegen und Idioten, die blind hineinsteigen. Vielleicht war das der richtige Zeitpunkt, es gegenüber mir zu erwähnen. Vielleicht konnte ich es ab diesem Zeitpunkt irgendwie verstehen. Dass viele Geheimnisse erst zehn, zwölf Jahre später zu mir gelangten, sei mal sanft dahingestellt.
Der Wechsel in das Gymnasium sollte meine große Zukunft besiegeln. Ich wollte Tierarzt Koch Astronaut Rennfahrer Schriftsteller werden. Ja, schon damals. Mit der Freundschaft zu zwei Nachbarskindern meiner Großeltern hatten wir Pläne. Die Ultimativen Vier, die Knickerbocker-Bande in Echt. Erreicht haben wir nichts. Nur mein erster Versuch, ein Buch zu schreiben, endete erst nach sechs Kapiteln. Ich wurde gelobt und gefeiert, eine Freundin, eben jene, die nur wenige Meter von meine Großmutter entfernt war, reichte einen Druck an ihren Deutschlehrer weiter, und ich durfte meine in meinem Deutschunterricht vortragen. Von da an war der Traum geboren. Er starb nie wirklich. Manchmal nur auf Eis gelegt oder rational gesehen. Das habe ich jetzt aufgegeben. Die Freundschaft ist vorüber. Die Ultimativen Vier sind Geschichte. Das Buchprojekt auch. Die Liebe kam dazwischen. Die Liebe und die Unverschämtheit eines scheinbar besten Freundes. Ja, ich wiederhole mich. Aber das war der Beginn. Der Beginn von allem.
Die Klasse, voll mit Jungs brachte nicht die richtigen Seiten von mir hervor. Ich fühlte mich nicht wohl, war Außenseiter mit Innenseitenwunsch und fiel viel zu oft übertrieben negativ auf. Die Noten wurden schlechter, ich hasste zirka die Hälfte in meiner Klasse und wiederholte sie. Die neuen Leute, die Menschen, die lange Zeit meinen Weg begleiten sollten, waren großartig. Sofort wieder verlieben, einen Sommer nachlaufen, Ernüchterung. Dann eine dreijährige einseitige Verliebtheit in eine heute gute Freundin. Irgendwann der metaphorische Schlag ins Gesicht. Perfektionierter Liebeskummer en masse. Und irgendwann dazwischen starb mein Großvater. Nach einem langen Leidensweg. Es hat sein müssen. Überraschend war es trotzdem. Heftig und ungerecht. Beschissen und einfach nur zum Kotzen. Ja, das war es. Mehr nicht.
Der Beginn meiner ersten, besten, großen Freundschaft. Meine erste Wannabe-Beziehung, die nur einen Monat hielt und nichts hervorbrachte. Meine ersten körperlichen Kontakte zu Frauen. Der Streit. Das scheinbare Ende einer Freundschaft, die schon viel mehr und nicht sein hätte sollen. Die Wiedergeburt. Meine erste richtige Beziehung, mein ständiges Lächeln auf dem Gesicht. Das Ende. Der zweite Versuch. Das erneute Ende. Verursacht durch sie. Mein Nachtrauern und Vernarren, bis zum beschissensten Ende, das man sich vorstellen kann. Alles scheiße. Und der Tod meines Neffen, der mich aus dem Leben hinauswarf und mich ebenso wieder gegen die Wand drückte, mir alle Wertsachen aus meinen Taschen raubt, mich zusammenschlägt und mit aufgeschnittener Kehle am Waldrand liegen lässt. Die Routine kam mir nie bescheuerter vor, der Tod war lange Zeit nicht real in meinem Kopf. Ich habe in diesen Tagen nie an Selbstmord gedacht. Vorher und nachher viel zu oft schon, rein im “Was wäre wenn”-Stil. Würden sie trauern. Als er starb hatte ich keine Zeit. Ich wusste, sie würden trauern. So wie ich trauere um eine Person, die ich mehr als kleinen Bruder als meinen Neffen ansah. Ein Junge, den ich heranwachsen sehen wollte, dem ich alles beibringen wollte und dem ich stets die ulkigsten Dinge lernen konnte. Dieser Tod beschäftigte mich und brachte mich in psychologische Betreuung. Aufarbeitung des ganzen Scheiß. Komprimieren der Gehirndateien, Temporary Files löschen, Papierkorb leeren. Aufräumen da oben. Mich mehr und mehr verstehen. Und trotzdem immer wieder an diesen Punkt kommen, an dem man es nicht glauben will. Und doch einsehen muss, was ist. Diese Sache tut weh. Einsehen zu müssen, dass man nichts ändern kann. Dass es einfach ist. Es ist.
Das warf mich zurück. Um Jahre. Und warf mich nach vorne. Um Jahrzehnte. Ich nahm Rollen an, die ich von mir nicht gewohnt war. Übernahm mich, bis ich innerlich zusammenbrach und minutenlang zu Weinen begann. Als ich mich, im Bett liegend, fast blutig kratzte, als ich den Schmerz in meiner Schulter spüren wollte. Als ich vorm Grab stand oder in der Kirche dutzende Minuten einfach nur Tränen hinausließ. Oder meine Worte vorlas. Meine Worte für ihn.
Ich habe viel erreicht. Ich habe schon so verdammt viel erreicht. Bekam so viele Schläge ins Gesicht. Mit Stöcken und Fäusten. Bekam Tritte in den Bauch und wurde geblendet. Ihr Verdammten, ihr Leute, die glaubt, ihr wisst alles besser. Ihr könnt mich mal, ihr wisst schon wo, ihr wisst schon was. Kritisiert mich nicht, ich bin in dieser Art ebenso einzigartig wie jeder von euch Idioten es auch ist. Ich hatte keine schlimme Kindheit, keine beschissene Jugend. Hatte Rückschläge, die für viele richtig heftig sind. Hatte Ideale, die sich als falsch herausstellten. Aber die hattet ihr alle. Glaubt nicht, ihr wüsstet nur irgendetwas besser. Weiß nicht, warum diese Gesellschafts- und Menschenkritik raus musste. Tut irgendwie gut. Wüsste noch so viele Schimpfwörter. Und muss mit diesem Satz wohl auch diese Sad Stoy beenden. So Sad ist sie nicht. Nur beschissen. Und einzigartig noch dazu. Plain White T’s hat mich zu diesem Titel inspiriert. Ich dachte, das wäre ein guter Titel zum retroskopieren. Weil’s gerade passt und ich mich danach immer so wohlig beschissen fühle. Gerade deswegen.
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hm.. – ich würde gerne was sagen zu deiner story. Aber es würde bestimmt hohl und dumm klingen und flach. Also lass ich es lieber.
liebe Grüße Dir (Du bist ein Besonderer..)
Hohle Worte gibt es nicht. Und dumm? Mitnichten. Kannst ruhig was sagen. Bewertungen über Aussagen und Kommentare mache ich sowieso nicht. Solange es kein Spam oder anderer Shit ist.
Vielen Dank. Dir auch liebe Grüße.