Archiv für November 2007

Touch, Feel & Lose.

Alltag

In einer Gesellschaft wie der unseren, nimmt man auf nichts Rücksicht. Vor allem nicht auf Gefühle.

Wie Fremdwörter schmiegen sich die Liebe, der Hass, die Wut, die Trauer, die Hoffnung an meinen Körper. Meine automatische Handbewegung hätte sie jetzt verscheucht, sie von meinem Körper weggetrieben. Nur um nicht als gefühlsvoller Mensch dazustehen. Was ist man denn dann? Beeinflusst von etwas Innerem, was nicht rational ist, nicht offiziell wissenschaftlich bestätigt. Alles nur eine Art Sinneseindrücke. Absolut subjektiv.

Ohne diesen Hohn zu spüren, lasse ich sie nun an mich heran. Die Liebe. Die mein Leben scheinbar ununterbrochen zu beschäftigen scheint. Der Hass, den ich nicht spüren will, weil Hass einfach so etwas Entgültiges ist. Die Wut, gegen etwas Unbeschreibliches, etwas Utopisches. Und die Trauer. Nachdem die Welt zusammengestürzt ist, der Himmel zerbrach und die ganze Ordnung in Chaos versank. Die Trauer. Die niemand zulässt.

Trauer ist etwas, was in unserer Gesellschaft verpöhnt ist. Stirbt ein Angehöriger, bekommt man zumindest in Österreich zwei Tage frei, um alles zu planen. Das Begräbnis, das Drucken der Todesanzeigen, das Aussuchen des Sarges und des Satzes auf dem Grabstein. Der Tod eines geliebten Menschen verkommt zu einer Anhäufung von Stress. Vielleicht glaubt man ja, dass diese Ablenkung die Welt wieder in die Fugen rückt. An Trauer ist nicht wirklich zu denken. Die wenigen Tränen können nicht im Geringsten das sein, was man für diesen Menschen empfunden hat.

Rückkehr in den Alltag. Noch einmal alles wiederkauen. Die Menschen sind neugierig, wollen alles erfahren, warum, wieso, weshalb. Ich will es nicht wissen. Alleine die Tatsache, dass jemand gestorben ist, genügt schon. Um mich sprachlos zu machen. Dass Stress nicht das „Heilmittel“ gegen Trauer sein kann, spüre ich gerade am eigenen Leib. Ich kann nicht trauern. Habe immer noch Probleme zu realisieren. Nichts geht in meinen Kopf rein. Seit dem Begräbnis habe ich nicht mehr geweint. Der Druck, den die Trauer in meinem Kopf aufbaut, lässt ihn fast platzen.

Die Gesellschaft – und ich bin mir natürlich bewusst, dass ich ein Teil davon bin, eine Forelle im Strom – ist eine Anhäufung von gefühlskalten Menschen. Die sich ihrer Gefühle nicht bewusst sind, sie verdrängen, und sie auch nicht bei anderen Menschen sehen wollen. Die Gesellschaft wird irgendwann einmal daran zerbrechen. Wie Porzellanpüppchen wird sie auf dem Boden zerschellen. In ganz kleine Teilchen. Und wenn dann Gefühle auftauchen, wird es schon zu spät sein. Und die Gesellschaft wird danach nur eines können. Hassen. Denn das konnten wir, trotz Gefühlskälte und der Unmöglichkeit Gefühle zu zeigen, schon immer.

Ich, widerum, werde mir ins Fäustchen lachen. Und auf die Scherben der Gesellschaft tanzen. Denn Schadenfreude ist ja auch ein Gefühl.

Tenemos Que Hablar.

Alltag

We have to walk.

If you would walk a while, we could waste the day. //Foo Fighters.

Der Schnee kam zurück in mein Leben. All die letzten Überbleibsel vom schon länger zurückliegenden Einbruch des Winters wurden überdeckt von einigen vielen Zentimetern Neuschnee. Die Sonne konnte man heute noch nie sehen, der Nebel hat mein Zuhause eingeschlossen und der jetzt auftretende Regen lässt das Kopfweh wieder auferstehen.

Believe anyhting you want to. But please, please just walk away. //5 Chinese Brothers

Das Telefonat gestern hat mich aufgewühlt. Hat meine Stimme und meine Worte zurückgeschraubt. Ruhig wurde ich, bedeutungslos alles in meinem Leben. Wut, Zorn, Versuch des Verständnisses und dann doch wieder nur Wut. Ein normaler Mensch würde spüren, was manb mit einem Menschen anrichtet, wenn man sich so benimmt, wie du. Jeder Freund spürt es schon. Nur du nicht. Dir fehlt die Sicht.

Cause you make me feel so good ’cause you’re so bad. //Aerosmith

Den Tag verbraucht. Die Nacht anbetend. Eine Cocktail-Party nennen es die einen. Endlich mal wieder ein komplett gemütliches Zusammentreffen. Wo wirklich beinahe alle wichtigen Menschen da sind. Freunde. Und wir alle werden Cocktails mixen. Werden Spaß haben, Musik hören. Rauchen, uns betrinken. Und in wenigen Minuten werden wir auch noch einkaufen fahren. By the way, übrigens.

Don’t walk away, don’t say goodbye. Don’t turn around, don’t let it die. //Air Supply

Träume holen mich ein. Der Druck ob der fehlenden Trauerverarbeitung erhebt sich in meinen Kopf. Statt Lebensberichte erscheinen hier viel öfter diese minimal literarischen Texte. Weil das Leben nichts mit sich bringt. Und die Kreativität zurück in meinen Kopf gelangt ist. Gedanken werden zu Worte, Gefühle zur Philosophie.

Walk On. With hope in your hearts. You’ll never walk alone. //Conway Twitty

Nicht alleine. Gemeinsam. Gestern. Den Film Garden State. Ein wunderbarer Film. Wunderschön. Unglaublich. Ich identifizier mich mit all den Gedanken und all den Szenen. Einfach nur wunderschön. Und so verschwinde ich aus diesem Tag. Melde mich ab. Für heute. Für diesen Monat.

Bad Day.

Alles begann mit diesem Menschen im Straßengraben.  Leiche würde man wohl dazu sagen. Und doch würde dieses Wort nie zeigen, wer er war. Ein Straßenverkehrstoter mehr für die Statistik. Einer weniger auf der Totenliste.

Ich weiß nicht, was mich dazu bewogen hat, einfach mal loszugehen. Normalerweise bin ich ja nicht der naturverbundene Typ. Früher kombinierte ich stets das Rauchen mit dem nötigen Frische-Luft-Schnappen. Doch an diesem einen kalten Abend, heute, packte ich mich warm ein. Die dickste Winterjacke, meinem Lieblingsschal, eine Mütze.

Als ich aus der Tür trete, spüre ich die Kälte. Der weiße, langsam aufsteigende Atem wird nachgezogen. Und ich folge dem scheinbar vorgetretenen Weg, setzte neue Spuren in den Schnee und spaziere ohne überhaupt ein Ziel zu wissen, in die Welt hinein. Irgendwann würde ich wohl schon an einen Zaun, eine Mauer kommen, und dann würde ich wissen, dass es Zeit dafür ist, umzukehren.

Vor mir liegen Spuren, die schon seit Tagen nicht mehr berührt worden sind. Zwei oder drei Zentimeter neuer Schnee liegen darauf. Als es plötzlich steil bergab geht, halte ich mich an den eisigen Ästen des in der Nähe liegenden Haselnussstrauches fest, langsam rutsche ich weiter ab, bis ich endlich wieder Halt habe. Irgendwo, in der Ferne, höre ich das Geräusch von Autos. Das hier würde man wohl wirklich Natur nennen. Es ist so schön ruhig. So … Ich wende. Gehe Richtung Straße. Wieder Spuren, denen ich folgen kann. Die Bremsgeräusche, das Knistern, wenn Reifen über eisigen Brocken auf der Straße brettern.

Plötzlich hören die Spuren vor mir auf. An einer Stelle scheint jemand abgerutscht zu sein. Nur der abnehmende Mond und die wenigen Straßenlaternen schenken der Nacht ihr Licht. Plötzlich stupse ich mit meinem Fuß gegen etwas Undefinierbares, scheinbar auch ein Eisbrocken. Doch nach genauerer Betrachtung stelle ich fest, dass dies hier kein Eisbrocken ist. Kein gewöhnlicher. Das hier ist ein Mensch. Ein Mensch, der schon viel zu lange hier sitzt.

Auf einmal beginne ich zu schwitzen, fange zu zittern an und meine Knie werden weicher, als dass sie mich halten könnten. Ich sinke zusammen. Mit meinem Handy setze ich den Notruf ab, so wie man es eben gelernt hat. Doch sie brauchen nicht mit Blaulicht und Sirene kommen. Es ist schon längst zu spät. Wie lange mag er schon hier liegen. Wie lange schon. Sie würden gleich da sein, sagte mir die Frau am Telefon. Ich lege es in den Schnee. Sehe mir diese Person noch einmal an. Fühle, nur um die entgültige Sicherheit zu  haben, den Puls. Nichts. Kein Atem, der sichtbar aufsteicht, kein Herzschlag. Nichts mehr. Alles ist zu spät.

Was kann ich für diesen Menschen noch tun. Ich kenne ihn nicht, wurde nur durch Zufall in sein Schicksal involviert. Wer war er. Warum. Warum das Ganze? Und einfach, um ihm zu zeigen, dass er nicht alleine hier warten muss, nehme ich seine Hand. Zu lange schon lag er hier, einsam und verlassen. Zum Sterben verdonnert. Nun sollen wenigstens diese zehn Minuten die unseren Sein. Seine Hand ist eisig. Ich versuche sie zu wärmen, doch es hat keinen Sinn. Bis zum Eintreffen der Einsatzfahrzeuge, der Polizei und der Rettung, bleibe ich an seiner Seite. Habe mich ebenso wie er in den Schnee gelegt. In den Himmel geblickt. Irgendwann hat es dann auch einmal begonnen, riesige Flocken zu schneien. Kälter ist es geworden.

Als auch die Rettungskräfte seinen Tod festgestellt haben, werde ich noch von der Polizei vernommen. Erzähle ihnen alles. Sie glauben mir, scheint es. Als sie fragen, ob sie mich nach Hause bringen sollen, verneine ich. Ich weiß, dass sie anschließend darauf bestehen werden, wegen meines psychischen Schocks oder so. Und dann werde ich einsteigen. Den Kopf an das Auotfenster gelehnt, der Blick hinaus. Riesige Schneeflocken. Auf wie viele weitere Menschen in Straßengräben wird heute noch Schnee fallen. Die Dunkelheit verfolgt uns, und als ich vor meinem Haus aussteige, bedanke ich mich noch bei meinen Chauffeuren. Der Tag ist eigentlich schon längst zu Ende.

Es sind immer dieser Zufälle. Die einen so etwas erleben lassen. Die einen mögen es Gottes Fügung nennen, die anderen Schicksal, wieder andere Pech. Ich denke, es hat ihm gut getan. Diese zehn oder fünfzehn Minuten, als ich ihm die Hand gehalten habe. Nur um zu zeigen. Du bist nicht alleine. Niemand soll alleine sein. Und doch sind es viel zu viele. Immer diese Zufälle. Einer mehr oder weniger. Was solls.

Und als ich endlich mein Bett gefunden habe, und die Augen schließe, lassen mich die Gedanken nicht ruhen. Ich spüre immer noch die eisige Kälte seiner Hand. Einige Zeit vergeht, aber je mehr ich mir darüber Gedanken mache, desto wärmer wird plötzlich die Erinnerung daran. Bis ich mir sicher bin. Da, wo er jetzt ist, geht es ihm gut. Und ich schließe die Augen.

Single Sucht. Longplayer.

Man wandert durch die Welt, immer mit der Musik im Kopf. Warum soll sie nicht auch mal für eine schöne Metapher herhalten? Ich, 19, Single sucht. Longplayer.

Wenn man in diesem einen Plattenladen steht, umgeben von Tausenden von Plastikhüllen und Metallstreifen zur Diebstahlsicherung. Die Top-40 der Singlecharts. Die Top-20 der LPs. Seit fast sieben Monaten befindet sich ein gewisser Herr Ikarus auf Platz Eins der Singlecharts. Und es scheint sich auch nichts daran zu verändern. Er bleibt seinem Stil treu, wiederholt sich immer mal wieder. Manchmal erholt er sich auch einfach. Eigentlich müsste er froh sein, dort, ganz oben in den Single-Charts. Diese Rangliste, nein, nicht der beliebtesten, sondern der längsten Singles.

Was hat dieser Typ, dass er sich so lange an der Spitze halten kann? Er singt doch nur von Gefühl, voller Pathos und gequält-versuchter Tiefsinnigkeit. Gab es denn nie jemand, der versuchte, ihn von da oben runter zu holen? Doch, doch. Gab es. Wenn man die Bravo aufmerksam liest, weiß man, dass es da schon solche Menschen gab. Er aber immer wieder seinen Gefühlen nachgab, und diesem Menschen in seinem Herzen alle Aufmerksamkeit und jedes Gefühl widmen möchte.

Er wird wohl noch einige Zeit dort droben bleiben. Wird sich mit seinen Worten selbstbemitleiden. Und niemand kann etwas dagegen tun. Gekauft wird er ja trotzdem. Weil es nicht nur ihm so geht. Der Erfolg ist ihm vergönnt, doch das Wichtigste erhält er nicht. Er wartet übrigens noch darauf. Bis er auf einem passenden Longplayer landet. Er liebt Longplayer. Sie sind großartig.

Ganz oben bei den LP-Charts finden sich Sampler. Für jeden etwas. Davon hatte er noch nie etwas gehalten. Er möchte nie auf einem solchen Sampler, auf einer Compilation drauf sein. Das hat nichts. Keinen Stil. Er macht nicht alles für Geld. Viel, aber nicht alles. Er liebt diese einzigartigen Longplayer. Die einen fesseln und nicht mehr loslassen. Die man ansieht und man denkt sich, das passt. Eine Symbiose aus zwei Teilen. Der Musik und der Stimme. Zwei Wesen, in ein so wunderbares Gemeinsames verpackt. So einen Longplayer will er auch schaffen. Auf einem solchen Longplayer will er auch Teil davon sein.

Doch leider ist er dazu noch nicht im Stande. Er hatte es schon einmal geschafft. Für kurze Zeit. War auf einem LP, der wunderbar war und sich gut verkaufte. Seither hat er es zwar manchmal versucht. Doch nie wollte es auch nur annähernd so schöne Musik werden, wie damals. Und deswegen wartet er. Vielleicht gibt es ein Comeback. Ein wirklich entgültiges Split-Up. Doch er will einfach nicht auf irgendeinem Longplayer drauf sein. Nein. Nicht er.

Und so ist er ganz oben. Auf dem Olymp der Musik. Vielleicht ein One-Hit-Wonder. Oder auch das Wunderkind der postapokalyptischen Musikszene. Alles in allem ist dieser Ikarus eines. Eine gespaltene Persönlichkeit. Lebensfroher Mensch, todtraurig. Lustiger Haudegen, melancholisch. Überzeugt von sich selbst, zweifelnd. Genießt seine Musik. Und wenn ihr wieder einmal in einem Musikladen seid, haltet Ausschau nach den Neuerscheinungen der LPs. Vielleicht gibt’s da was Neues.

Such Great Heights.

Der Blick nach unten erzeugt in mir dieses unruhige Schwindelgefühl. Nur nach oben blicken, nicht nach unten. Und wenn nun nichts mehr oben ist, außer der große blaue Himmel, wolkenlos und leer. Und in kurzer Zeit färben sich meine Augen ebenso azur, und mit einem Mal bin ich Teil des Himmels geworden.

Das Blut strömt mir in den Kopf. Die Haare fallen der Erdanziehung zum Opfer und meine Hände berühren fast den Boden. Wie lange hänge ich schon so da. Die Welt, um 180 Grad gespiegelt. Die Menschen, wie sie am asphaltierten Himmel laufen. Die Erde, in ihrem einzigartigen Blau. Der Wind. Er bläst mir Staub in die Augen. Ich schließe sie. Halte mich an dem Rohr fest, auf dem ich kopfüber hängte und finde mal wieder den Kontakt zwischen meinen Füßen und dem Gras.

Der Weg geht weiter. Die Sonne kitzelt meine blonden Haare. Das Grün unter meinen Füßen wechselte zu kleinen Kieselsteinen. Ich folge diesem Weg weitere fünfzig oder hundert Meter, bis ich eine kleine Bank aus Holz finde. Mich darauf niederlasse. Warm ist es heute. Der Blick auf den See. Und die Berglandschaft dahinter. Sanft beruhigend und die Seele kitzelnd. Das hier ist mein Zuhause, und das wird es auch immer bleiben. So weit weg ich auch sein werde, die Erinnerungen an die Tage am See werden mir im Gedächtnis bleiben.

Wie oft habe ich mir Gedanken über das „Garden State“-Gefühl gemacht. Dass irgendwann einmal der Tag kommt, an dem man das Zuhause, in dem man aufgewachsen ist, nicht mehr als sein Zuhause, seine Heimat sieht. Wie oft habe ich mich schon so gefühlt. Und jetzt kehrt die Zugehörigkeit zu meinem Zuhause wieder zurück. Ich werde vom Fernweh weggezogen. Und immer mal wieder werde ich zurückkehren.

Zu dem Haus, in dem ich aufgewachsen bin. Zu den Menschen, die das erste Drittel oder Viertel meines Lebens ständig an meiner Seite waren. Zu dem Grab, der Stätte, dem Mahnmal für einen so heftigen Einschnitt in meine Seele. Zurück zum Start werden mich die wenigen Tage daheim führen.

Plötzlich liege ich verkehrt auf der Sitzbank. Die Beine über die Rückenlehne hängend, den Rücken auf der Sitzfläche, den Kopf hinunterfallend. Es beginnt zu regnen. Und ich beobachte, wie vom blauen Boden unzählige Tropfen in den nassen Himmel fallen. Für kurze Zeit scheint die Erdanziehung abgeschaltet. Von oben herab hängen riesige Berge. Und am Himmel kreisen Autos. Und je mehr Tropfen in den Himmel fallen, desto mehr Ringe werden sichtbar.

Immer größere Kreise werden gezogen. Immer größere.

Im Taxi. Weinen.

Mit der Welt nicht mehr zurecht kommen, den Kopf schütteln, als man diese Geschichte liest, und irgendwann auch mal im Taxi zu weinen beginnen. Bis man plötzlich zu lachen beginnt. Weil man endlich gerafft hat, dass man die eigene Geschichte gelesen hat.

„The same procedure as every year“. Diese Zeilen hängen mir schon seit meiner jungen Kindheit in den Ohren. Wie für viele hunderttausende Eltern war es auch für die meinen schon Tradition, vor dem Fernseher zu sitzen und dieses Stolpern und das Trinken zu beobachten. Kurz, bevor das Jahr umbrach. Und man sich eine neue Jahreszahl merken musste. Meistens nur eine Ziffer. Und einmal wurden sogar die kompletten Vier ausgetauscht. Alle sprachen vom Millienium, vom Crash, vom Ende der Welt. WIe immer, wenn die Welt etwas laut verkündete, war alles nur heiße Luft.

Ich bin geboren. Vor der Wende. Auch wenn ich kein Deutscher bin, und die Österreicher mit Ost-West nicht so (dieses „so“ soll relativ zu verstehen sein) involviert war. Nur um den jüngeren Lesern irgendwie klar zu machen, wie alt ich jetzt schon bin. Also, ich ward geboren. Als drittes Kind meiner Eltern. Als zweites Lebendes. Durch Zufall und großartiger Intervention meiner Großmutter wurde mir der Name Dominik geschenkt. Und nein, ich werde hier nun keine Namensanalyse herausfordern. Viel zu müde bin ich dazu. Und deswegen setze ich diesen, nunmehr vierten, Rückblick fort.

Geburtstage feierte man früher stets mit der Familie. Großeltern, Tante, Onkel, Cousin, Cousine, die Großtante und ihr Mann und mein engster Familienkreis. Mit der Papp-Krone aus dem Kindergarten und bei mir, so wie jedes Jahr, diese Erdbeer-Roulade oder der Torte mit den Kerzen. Stolz wie ein Pfau. Und ohne einen Gedanken an so vieles, was jetzt gerade meinen Kopf besetzt. Damals, zu Zeiten dieser Geburtstage war die Welt schon in Trümmern. Doch damals noch sah ich über die Trümmer hinweg und erblickte den Horziont.

Weihnachten feierte man damals, und man macht das auch noch bis ins heutige Jahr, bei meiner Großmutter. Wieder einmal verwandschaftlich-familiär. Große Geschenke, kleiner Baum, und auch mal Tränen, weil etwas nicht unter dem Christbaum lag. Oder das Falsche. Jetzt, im Nachhinein schämt man sich sogar für die materielle Herangehensweise an Weihnachten. Und nimmt sich vor, sein(e) Kind(er) anders auf Weihnachten vorzubereiten. Was mir und meiner Frau höchstwahrscheinlich wohl kaum gelingen wird.

Durch die vergangenen Tage und Wochen seit dem Schicksalsschlag kommen Erinnerungen hoch, die ich zu vergessen wagte. Oder die unabsichtlich in Vergessenheit zu geraten scheinten. Als ich und der Nachbarsjunge immer viel zu lange in der Schulküche blieben, als es Erdbeerknödel oder Palatschinken (Pfannkuchen) gab. Und wir dann ca. zwei oder drei Stunden brauchten, bis wir zuhause ankamen. So vieles gab es zu besprechen. Und zwischen uns beiden baute sich irgendwie eine tolle Beziehung auf. Irgendwann, ich war glaube ich noch in der Grundschule zogen sie weg. Nicht weit. Ein oder zwei Kilometer. Doch der Kontakt brach ab. Weg war es. Weg war sie. Die einzige Freundschaft in der Nachbarschaft. Für immer.

Was mir auch noch in Erinnerung kam, war das morgentliche Frühstück bei meinen Großeltern, wenn wir eine Nacht bei ihnen schlafen durften. Ich erinnere mich noch an den Platz, an den Opa saß, sehe ihn in meinen Bildern im Kopf da sitzen, meine Oma, um einiges jünger aussehend. Und alles so schön aufgetischt. Jedes Mal war es wunderbar, bei meinen Großeltern zu schlafen. Und ich erinnere mich noch an ihr altes Auto. Und seit Jahren nun schon, versuche ich mir einen Satz in Erinnerung zu rufen, den mein Opa so oft gesagt hat. Niemand weiß, wovon ich spreche, aber ich täusche mich in diese Angelegenheit nicht. Irgendwann höre ich ihn wieder einmal und dann werde ich sagen können: Das hat mein Opa auf immer gesagt.

Soll ich schon wieder über meine verlorenen Lieben schreiben. Über den Schmerz des gebrochenen oder angeknaksten Herzens. Über des Leid mit einem Selbst. Ich möchte erst gar nicht. Vieles ging schief. Und doch sehe ich irgendwie nun eine Linie durch alles hindurch. Würde ich jetzt ein Buch schreiben. Eine Biografie unserer Familie. Eine Art Buddenbrooks für Mittelstands-Österreich in der zweiten Hälfte des 19ten und der ersten Hälfte des 20ten Jahrhunderts. Ich würde nicht einmal den Subtitel ändern. „Verfall einer Familie“. Wie sich meine Eltern verändert haben, beunruhigt mich nun schon irgendwie, wenn ich die Bilder in meinem Kopf mit den Bildern meiner Augen vergleiche. Man könnte so vieles tun, wenn man als Gemeinschaft auftreten würde. Würde man es tun, wäre so vieles einfach.

Ich bin dann höchstwahrscheinlich der verrückte Höhepunkt und schlussendlich auch das Ende des Entwicklungsromans. Dass ich mit meinem Kopf auf meiner Hand, in meinem Bett liegend, dämpfend Kettcar-lauschend, einen irren Blick auszuprobieren versuche, interessiert hier wohl auch keinen. Und so schreibe ich weiter und überlege mir Dinge. Dinge aus meinem Leben.

Die Welt liegt brach. Unsere Wut gegen die Welt, gegen Gott oder dieses verdammte Überirdische spiegelt sich im Umgang mit uns selbst wider. Wir haben schon wieder verlernt, wie wir mit uns umgehen müssen. Die Zeit des ersten, heftigsten Schockes war unsere Familie ungewohnt ruhig, das Haus wurde maximal von Musik oder einem Weinen durchströmt. Jetzt ist wieder alles anders. Musik wird kaum mehr zugelassen. Zum Weinen gehen wir meistens raus. Und ich kann sowieso nicht mehr Tränen vergießen. Nicht deswegen. Ich kann das ganze sowieso jetzt gar nicht verarbeiten. Stehe da und kann nur reden. Sitze da, und kann nur schreiben. Aber ich kann es nicht realisieren. Mache Dinge, damit er sich nicht wehtut, wenn er das nächste Mal kommt. Lege das Messer weiter in die Tischmitte, damit er es ja nicht erwischt. Und bin mir trotzdem irgendwie im Klaren, dass er doch nie wieder kommt.

Und dann sitzt man da, versucht über die Vergangenheit zu philosophieren und wird von urplötzlich von der Gegenwart eingeholt. Sieht auf seine Familie, wie Gott, oder der stille, schreibende Beobachter ohne Schweigepflicht. Und muss erschrocken den Blick abwenden und wünsche mir etwas, wenn ich die nächsten Kerzen ausblasen darf. Und immer mal wieder kommen Gedanken hoch, Erinnerungen hoch, die lange verborgen blieben. Vielleicht kann ich sie mal wieder alle sammeln. Vielleicht kann ich auch wieder neue Erinnerungen zulassen. Vielleicht kann auch wieder alles okay sein. Auf seiner Art und Weise?

Kammerflimmern.

Die Tür ist geschlossen. Kein Licht strömt herein. Ich suche mir Platz zwischen all den Hemden und Jacken. Ich höre ein Tocken. Schritte wenige Meter von mir entfernt. Ich kauere mich zusammen. In dieser Dunkelheit.

Kreisende Füße. Zehn, nein … zwanzig Zehen auf meinem Fußboden. Blicke. Und das Verschwinden. Ich warte. In der Dunkelheit und tauche ein in die Stille, die wieder Platz gefunden hat. Irgendwann bekämpfe ich noch schnell das Ungeheuer, schließe meine Augen und verlasse den Schutz bietenden Schrank.

Es wäre nichts Schlimmes gewesen. Sie hätten mich wahrscheinlich geholt, weil das Mittagessen fertig ist. Ich habe keinen Hunger. Habe keine Lust unter Leute zu treten. Selbst wenn sie sich meine Familie nennen darf. Ich werfe mich auf mein Bett. Die Sonne erhellt meinen Schreibtisch, wandert über meinen Teppich, berührt Teile meiner Liegestätte.

„Ist man jetzt. Wo man nicht mehr high ist, froh dass es vorbei ist.“ Ich drehe mich auf den Rücken. Das hellblaue Leintuch schenkt meinem Zimmer einen warmen Hauch des Sommers. Der Ahornbaum vor meinem Fenster erlaubte es mir früher immer, hinauszuklettern und mich abzuseilen. Jetzt bin ich schon viel zu müde und zu alt dazu, denke ich. Ich liege hier und warte.

Mein Herz schlägt. Zur Freude aller und doch ist es in solchen Momenten immer anders. Es pocht in meinen Ohren. Der Hals spürt das Schlagen. Und manchmal, immer mal wieder, kommt es aus dem Rythmus. Hört auf. Und ist wieder hier. Vielleicht ist das alles nur Einbildung. Vielleicht ist es aber auch real. Ich könnte mein Zimmer zusperren. Könnte aus dem Fenster klettern. Und einfach abhauen. Doch ich liebe mein Zimmer. Liebe die Stille. Liebe das weiche Bett.

Plötzlich höre ich wieder Schritte und ungewohnt schnell verschwinde ich wieder in den Schrank. Mit der warmen Winterjacke vor dem Gesicht. Meine Zimmertür bleibt geschlossen. Stattdessen geht die Person in eine andere Richtung. Ich möchte die Tür aufdrücken, doch nach wenigen Zentimetern Licht, lasse ich sie wieder zufallen. Ich bleibe noch hier.

Verkrieche mich in die Stille, lasse die Musik in meinem Kopf rotieren. Und höre den Stimmen da drinnen immer aufmerksamer zu. Verstehe den Standpunkt jeder einzelnen Gestalt. Versuche wortlos zu kommunizieren. Die Knie hochgezogen, um richtig Platz zu finden. Und irgendwann schlafe ich ein und verlasse die Dunkelheit für weitere sieben Stunden nicht mehr. Als ich die Türe das nächste Mal öffne, hat sie auch draußen schon wild um sich geschlagen. Die Dunkelheit. Ich werfe mich auf’s Bett und fühle mich wohl. Das Herz ruht. Mit gemächlichem Pochen. Und keine Menschen, die Treppen rauf oder runter, in Zimmer rein oder raus gehen. Nur ich, und die Dunkelheit, und das Pfeifen des Windes am Fenster und ihr.

Tapetenwechsel.


Ich falle hinein, falle heraus. Halte mich fest, stürze zurück. Stoße mich und blicke nach vorne. Hinein in dieses grelle Licht aus Dunkelheit erbaut.

Wie viele Jahre mag es denn nun schon her sein, als ich mehrmals jährlich in diesem großen Zimmer mit diesem großen Bett, dem riesigen Kasten und den zwei Fenstern hinaus zu den Obstbäumen, schlafen durfte. Und ich minutenlang Probleme hatte, nach dem Abdrehen des Lichtes die grässliche Tapete aus dem Kopf zu bekokmmen.

In welchem ich einen meiner ersten Liebeskummer zu verarbeiten versuchte, immer mit den Gedanken und dem Aufeinandertreffen. So viel Schmerzhaftes. Das Zimmer ist schon nicht mehr. Das Bett auch nicht. Nur die Fenster scheinen noch zu sein. Und es stimmt. So sehr sich auch die Welt verändert, und Dinge verschwinden, die früher einmal die Grenzen der Welt bedeuteten, so bleibt doch immer die Erinnerung. Wie viele Jahre mag es her sein.

„Wovon sprichst du?“. Von der Seite sprichst du mich an. Ich habe meinen Blick nach oben erhoben und versuche sinnlose Details an der Decke zu finden. Einfach so vor mich hingesprochen, erfasse ich die Frage gar nicht wirklich. Erst dann. „Von Erinnerungen.“ Sicherlich folgt jetzt die Frage, wie ich darauf komme. Ich nehme sie vorweg und verwerte hingegen schon die Antwort. „Weil …“ Ich stocke.

Immer mal wieder beginne ich ohne ersichtlichen Grund. Versinke in den Erinnerungen, die mir eigentlich schon lange nicht mehr untergekommen sind. Jetzt tauchen sie wieder auf. Wie die raren Rückfälle in die Vergangenheit, die Alzheimerpatienten öfter mal haben. Wo dann alles stimmt, während in der Gegenwart so vieles falsch zu laufen scheint.

Ich kehre zurück zu unserem Gespräch. Und während ich dich so ansehe, wundert es mich, wie sehr es mir bei dir auffällt. Wir haben uns jetzt mindestens schon zwei Jahre nicht mehr gesehen. Und während wir uns alle irgendwie weiterverändert haben, ich ein Anderer wurde, und mein Freundeskreis sich weiterentwickelt hat, bist du immer noch der Gleiche. Irgendwie erschreckend. All die Veränderungen die die Entwicklung mit sich bringt, scheinen an dir vorübergegangen zu sein. 

„Worüber sprachen wir?“, frage ich. „Über unsere Liebesleben.“. Du lachst. Und ich versinke wieder in Erinnerungen. Wieso muss das in jedem Gespräch zum Thema gemacht werden. Und während du mir von deiner Freundin und den beiden Exfreundinnen erzählst, die du seit den letzten zwei Wochen hattest, beginne ich zu lächeln, drehe das Licht ab und bekomme einfach diese grässliche Tapete nicht mehr aus dem Kopf.

Somewhere Between. Waking And Sleeping.

Denk ich mir, als ich unter einer riesigen, schweren Schicht aus Schnee aufwache.

Er drückt auf meinen Brustkorb, erschwert es mir richtig zu atmen.
Mein Kreislauf scheint sich während des Schlafens schon
heruntergeschraubt zu haben. Mit meinen Armen vor den Augen fühle ich
mich beschützt, und doch irgendwie auch eingeengt. Das Öffnen der
Augen. Die Dunkelheit des Zimmers holt mich zurück. Das mechanische
Läuten des Weckers. Der Schlag.

Herzlich Willkommen. Zurück in dieser Welt. Schon wieder ein Traum, der mir die Virtualität so real erscheinen lässt. Selbst jetzt, in der Wirklichkeit, spüre ich den Druck auf meinem Bauch. Ich bleibe noch liegen. Das Bett hält mich zurück. Und diese Phase der Erholung hilft mir, mit den aktuellen Zuständen besser zurecht zu kommen.

Irgendwann falle ich dann doch mehr oder weniger aus meinem Bett. Die Boxershort wird von einem Shirt ergänzt, farblich überhaupt nicht schön abgestimmt  „Was für ein Traum“, denke ich. Gehe zum Fenster um frische Luft reinzulassen. Und doch. Die gesamte Welt liegt unter einer riesigen meterhohen Schneeschicht. Kein Auto fährt mehr. Kein Schiff überquert den Fluss. Alles ist weg.

Alles. Weg. Ich atme tief ein und schließe meine Augen. Als ich sie wieder öffne, ist das Bett nun wieder hier. Ein Traum schon wieder. Und ich laufe ins Wohnzimmer. Dem Zimmer, wo meine Eltern normalerweise immer um diese Zeit sind. Laufe hinauf, öffne die Tür. Und finde grauenhaft verstümmelte Wesen in ihren eigenen Blutlachen ertrunken. Ein lautloser Schrei. Der Gedanke an Flucht. Die Treppe wieder hinunterlaufen, stürzen. Hart aufschlagen. Die Augen wieder öffnen.

Und das Bett. Nichts ist wirklich passiert. Nichts. Und diesmal meine ich auch wirklich nichts. Kein einziges Minütchen muss Realität sein. Alles kann nur Traum eines verwirrten Idioten sein. Eine Tragikkomödie. Bis man wieder aufwacht und in den nächsten Alptraum stolpert.

Die Welt ist nicht real. Rein surreal lebt sie fort. Diese Welt. Irgendwo zwischen Aufwachen und Einschlafen.

Vicious World.

Leere Blicke in volle Geldbörsen. Die materiell bedingte Herangehensweise an das Fest der Feste. Und ein Mensch, umgeben von Schokolade und Gold und Silber und Süßigkeiten. Ein Mensch, umgeben von den unsinnigsten Dingen. Und irgendwo dazwischen auch ich. Weihnachten Mal Anders.

Ich erinnere mich noch an jene Advents, an denen ich Tag für Tag auf die Bank vor dem kalten Kamin kletterte und dieses kleine Kartontürchen aufzubringen versuchte. Nur um alte, geschmacksbeeinträchtigte Schokolade-Weihnachtszeichen zu essen. Tag für Tag. Manchmal arbeitete ich auch schon vor. Und musste anschließend warten. Ein anderes Mal sammelte ich alle Schokolade für den Schokoüberschüss am Heiligen Abend auf, und vergaß schlussendlich. Da war sie, die Vorfreude auf ein Fest. Das Fest der Familie. Das Fest bei Oma. Mit Bratwürstel. Und einem vulgär glänzenden Christbaum. Mit Original Kinderarbeits-Wunderkerzen und all diesen unsäglichen Schokoüberraschungen und Schnapsfläschen.

Weihnachten war früher anders. Ich weiß. Es war anders, wenn man zur Bescherung den Raum verlassen musste. Um, als man reinkam, alle Geschenke unter dem Christbaum zu sehen. All das Leuchten. Und die freudigen Blicke der Eltern und der Verwandten, Onkel, Tante, Oma, Opa, Cousin, Cousine. Und dann das unangenehme Warten. Das Beten. Das Gedenken an die Toten. Und meine zappelnden Beine, die zum Baum hinlaufen wollten. Schließlich noch das Weihnachtsevangelium, welches ich nun schon fast durchgehend auswendig aufsprechen kann. Bis irgendwann die Leine locker gelassen wurde und ich auf all die Geschenke und die mehr oder weniger überraschenden Überraschungen stolpern konnte.

Damals war Weihnachten anders. Weihnachten war für mich die Zeit der Geschenke. Keine Zeit der Ruhe. Keine Zeit der Familie. Natürlich genoss ich alles und jeden. Die wenigen Minuten am Adventskranz. Das Spielen auf der Blockflöte oder die minimalistisch angelernte Keyboard-Spielen. Weihnachten war für mich die Zeit des übermäßigen Geldes und der mir über den Kopf wachsenden Geschenke. Eigentlich total falsch, wenn ich jetzt so darüber nachdenke.

Erst seit kurzem hat sich Weihnachten und auch mein Geburtstag zu etwas anderem entwickelt, als nur für die Geschenksübergabe. Nun handelt es sich wirklich um Zeiten der Zusammenkunft. Ob Freunde oder Familie. Bekannt- oder Verwandtschaft. Irgendwie empfindet man die Welt ganz anders zu dieser Zeit. Die Menschen freundlicher, und mit dem kindlichen Erwachsensein auch die Zeit nicht so stressig, wie sie für die komplett Erwachsenen zu sein scheint. Weihnachten, als Zeit um sich über die anderen Gedanken zu machen. Um ihnen Geschenke zu schenken, die wirklich etwas bedeuten.

„Ich will heuer gar nicht Weihnachten feiern“. Ein Satz meiner Mutter. Verständlich nach dem Tod ihres Enkels, meines Neffen, dem Sohn meiner Tochter. Was ist schon Weihnachten nach so einem Jahr. Was ist schon Weihnachten, wenn zwei leuchtende Augen fehlen. Wenn eine ganz besondere Person in einem Kreis so vieler besonderer Personen fehlt. Wie soll man damit umgehen. Ich habe es schon gesagt. Ich will Weihnachten so feiern, wie wir es jedes Jahr gemacht haben. Bei meiner Oma. Mit meinen Verwandten. Aber ich werde Weihnachten nicht einfach so feiern. Nicht so wie immer. Irgendwie möchte ich alles anders machen. Mehr auf uns achten. Und die Zeit für uns nehmen, um alles aufzuarbeiten. Um Kraft zu schöpfen. Um ihn einfach wieder einmal zu spüren. Vielleicht schaffe ich es. Vielleicht gelingt mir dieses Kunststück. Dass ich Weihnachten – dieses Weihnachten – nicht zu einem scheinheilig normalen Weihnachten verkommen lasse.

Ich werde Weihnachten feiern. Nicht der Geschenke wegen. Nicht des Geldes wegen. Nur der Erinnerung wegen. Der Aufarbeitung wegen. Und der Hoffnung wegen, dass irgendwie alles wieder gut wird. Nicht so wie früher. Anders. Anders gut. Irgendwie. Vielleicht funktioniert das. Vielleicht.

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